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Adab 

 

Adab am Beispiel der Regeln des Hl. Benedikt (Christentum) und der des Abu Hamid ibn Muhamed al-Ghazali (Islam)


Vortrag von Scheich Süleyman anlässlich des Treffens der Europäischen Mevlevigruppen
in Mannenbach/Bodensee, 21.-24. Mai 2010

 

Bismillahirrahmanirrahim

Ich habe die Vernunft gefragt, was Glauben ist;

und die Vernunft beugte sich und flüsterte mir ins Ohr:

Glaube ist Adab.

(Fihi ma Fihi)

Die Vernunft sagt also, dass Glaube Adab sei. Ich bin ja immer froh, wenn die Vernunft auch etwas sagen darf in der Mystik. Was meint sie denn also, diese Vernunft, wenn sie das sagt.

Adab allgemein:

Wir haben mehrere Werkzeuge auf dem Weg.
Da sind zunächst die fünf Säulen der Islam. Religion:

1.         Glaube

2.         Gebet

3.         Fasten

4.         Almosen geben

5.         Hadsch

Bei uns werden diese noch durch fünf weitere ergänzt:

6.         Dhikr

7.         Fikr

8.         Sema

9.         Adab

10.       Dienen

 

Über Dhikr, Sema und Dienen haben wir schon früher gesprochen. Heute wollen wir uns den Begriff „Adab“ näher ansehen.

Adab heißt soviel wie Handlung, Benehmen, ect. Im Hl. Quran wird sehr viel und teilweise sehr detailliert darüber gesprochen, wie man sich zu benehmen hat. Z.B. „Betretet die Häuser durch die Türen…. Klopft an und wartet bis ihr hereingebeten werdet………“. Es wird genau beschrieben wie die Waschungen zu erfolgen haben usw. usw.  Vieles über das Benehmen wurde dort genau festgelegt. Wenn man sich nicht genau auskannte und im Quran keine klare Antwort darauf fand, suchte man in den Aussprüchen des Propheten, wenn man da nichts fand, suchte man die Antwort in den Handlungen des Propheten. Jeder Sufi-Orden hat zwar seine besonderen Adab und seine besonderen Regeln, aber zunächst war die Grundlage für das rechte Benehmen immer der Quran und die Überlieferungen der Aussprüche des Propheten (Ahadith) und die Sunna. Ich hoffe, dass wir endlich das Buch von Hüseyin Top übersetzt bekommen, das dieser darüber geschrieben hat. Als er im Jahre 2000 zum letzten Mal in der Dergah bei uns war, hatte ich ihn gebeten etwas über das Adab zu sagen, denn ich wusste von meinem Lehrer Süleyman Hayati Dede, dass es solche gab, kannte sie aber nicht expliziet. Er hat sie mir immer nur vorgemacht oder vorgelebt, aber nie von mir verlangt, dass ich sie lerne. Erst heute, in Erinnerung an Vieles, was ich bei ihm sah, erkenne ich, was ich eigentlich damals hätte lernen sollen.

Als ich jedenfalls Hüseyin Top Efendi darauf ansprach, ob er uns nicht helfen könne, etwas mehr über Adab zu lernen, hat er sofort sein Sohbet darauf abgestimmt.  Zurück in Istanbul hat er sich umgehend an die Arbeit gemacht und begonnen ein Buch darüber zu schreiben. Als ich im nächsten Jahr nach Istanbul kam, überreichte er mir schon das fertige Buch über Adab und Regelwerk der Mevlevie. Wir haben inzwischen dieses Buch übersetzt, damit es für alle zugänglich ist und nicht nur für jene,die der türkischen Sprache mächtig sind. (H.Top Efendi; "Das Adab der Mevlevie", zu beziehen bei uns.)

Er hatte damals diese Anregung aufgenommen und in die Praxis umgesetzt. Damit bin ich aber schon bei einem Begriff des Adab. Das ist die Übertragung aus dem Reich des Vorsatzes in die Realität der Handlung.

In jeder spirituellen Tradition und zu jeder Zeit gab es Adab. Also bestimmte Gebräuche und Vorschriften zum Verhalten und Benehmen. Als mich Scheich Hüseyin Peter Cunz anrief, um mir zu sagen, dass ihr euch heuer als Thema den Begriff „Adab“ ausgesucht habt, habe ich mich gleich spontan gefreut und zugesagt einen Vortrag zu halten über die Regeln des Hl. Benedikt im Christentum und jene von Al-Ghazali im Islam. 

 


 

CHRISTENTUM - Hl. Benedikt:

Der Sufismus der Frühzeit bezog sich, wie schon gesagt, in erster Linie auf das Vorbild von Mohammad (s.w.s.) Aber er wurde mit Sicherheit auch sehr stark von den christlichen Mönchen inspiriert, die in den Wüstengegenden des Vorderen Orients lebten, den sogen. Wüstenvätern. Diese gehen auf die frühchristlichen Gemeinschaften zurück, wo sich zuerst, ähnlich wie im Islam, die Asketen (Übenden) herausbildeten. Ihr besonderes Element war die Ehelosigkeit (Bezug zu Jungfräulichkeit Marias), die sich ja bis heute z.B. bei den Katholiken erhalten hat.

Im ausgehenden 3. Jahrhundert führt diese Idealisierung besonders in Ägypten zur Bildung des Wüstenmöchtums. Hier steht besonders das biblische Vorbild Pate. (Moses, Elija, Johannes der Täufer, Jesus, s.w.s.) Kennzeichen ist die sog. „anachorese Lebensform“. Damit ist die Trennung von der menschlichen Gemeinschaft gemeint. Zum Unterschied dazu gibt es die koinobische Lebensform (gemeinschaftliche Lebensform), welche sich auf die urchristliche Gemeinschaften in Jerusalem bezieht.

Dieses asketische, anachoretische und koinobitische Ideal war lange Zeit Vorbild für die verschiedenen monastischen Traditionen. Es entstanden damals unterschiedliche Formen. Die einen lebten zurückgezogen im Elternhaus, oder alleine. Andere schlossen sich zu gemeinschaftlich, enthaltsam Lebenden zusammen. In dieser Zeit bilden sich dann auch die Wandermönche heraus, aber auch klerikale Klostergemeinschaften.

Die Leitgestalt des ägyptischen Mönchtums ist der Hl. Antonius, dessen Lebensbeschreibung schon 357 zur Modellvita des Mönchtums wurde.

Weit über den Syrischen Raum hinaus bekannt wurde Symeon Stylites (gest.459), der zum Zeichen seiner Wachsamkeit und des immerwährenden Gebetes, jahrelang auf einer Säule lebte (Die Säulenheiligen). Auch im Westen, also Frankreich, Italien ect. entstanden die ersten Klostergemeinschaften, die alle gewissen Regeln folgten. Überall dort, wo Menschen zusammenleben und wirken, braucht es eben gewisse ordnende Regeln. Das ist ja auch heute noch so.

In Kenntnis dieser Regeln und der praktischen Erfahrung des klösterlichen Lebens, verfasste der Hl. Benedikt seine Regel im Jahre 529 für das von ihm gegründete Kloster Monte Cassino im heutigen Süditalien. Dieses Regelwerk hat die Klöster, bzw. das Leben in den Klostergemeinschaften  der lateinischen Kirche entscheiden geprägt.

Nur noch kurz etwas zu seinem Leben:

Benedikt wurde in Nursia in Umbrien um 480 geboren. Er wurde zum Studium nach Rom geschickt, brach aber schon bald sein Studium ab und schloss sich in Elfine einer Asketengemeinschaft an, die dem Leben entsagte. Noch relativ jung scharten sich Schüler um ihn und zwölf kleine Klöster entstanden. Um 529 zog er mit einigen Mönchen  auf den Monte Cassino. Dort verstarb der Mönchsvater um 547.

Für uns besonders interessant ist, dass sein Werk mit demselben Wort beginnt, wie das Mesnevi. Es beginnt mit „HÖREN“.

Höre, mein Sohn, auf die Weisung des Meisters,

neige das Ohr deines Herzens,

nimm den Zuspruch des gütigen Vaters willig an

und erfülle ihn durch Tat! (P:1)

Das ist für uns sehr interessant, denn der erste Vers beginnt mit „Hören“ und endet mit der Tat. Mit dem Wort „Tat“ sind wir aber schon beim Adab, denn Adab ist die Tat. Was nun folgt ist ein sehr langes Regelwerk, das in 73 verschiedene Kapitel eingeteilt ist.  Diese kann ich natürlich hier nicht vortragen, sonst sitzen wir morgen Früh noch hier und ihr seid längst eingeschlafen. Sie gehen auch viel zu weit. Es wird hier, anders als bei Al-Ghazali, sehr detailliert der genau zu befolgende Ablauf des Klostertages festgelegt. Die Regeln sind sehr klar und sehr streng. Er versteht hier unter Mönchstum ein Leben „unter Regeln und Abt“. Die Regeln beziehen sich auf bestimmte Quellen. Diese sind:

  • Die Heilige Schrift (Bibel): Die Klosterregeln sind nur im abgeleiteten Sinn Regeln, weil sie die Weisung der Schrift für den konkreten Alltag eines Klosters aktualisieren.
  • Christliche Lebensanweisung: Wenn vornehmlich die Heilige Schrift als Regel gilt, dann müssen die Folgerungen, die sich aus den Geboten ergeben, ebenfalls als Regeln angesehen werden
  • Lebensbeispiel: Nicht nur das geschriebene Wort, oder das gesprochene gilt als Regel, sondern auch das Lebensbeispiel und Vorbild.
  • Die Lehre des Abtes: Von besonderem Gewicht sind die Worte des Abtes. Es gilt als Orientierung, Mahnung und Anordnung. (Hier ist wieder das Wort „Ordnung“ versteckt.)
  • Klösterliche Ordnung und Gesetzgebung: Individuelle Regeln bestimmter Klöster, in unserem Fall, jene des Hl. Benedikt, der sie für das Kloster „Monte Cassino“ zusammenstellte.

Der Hl. Benedikt erzählt uns  im ersten Kapitel von den vier verschieden Arten von Mönchen:                                         

Wir kennen vier Arten von Mönchen.
Die erste Art sind die Koinobiten;
Sie leben in klösterlicher Gemeinschaft

Und dienen unter Regel und Abt.
Die zweite Art sind die Anachoreten, das sind Einsiedler.
Nicht in der Begeisterung für das Mönchsleben,
sondern durch Bewährung im klösterlichen Alltag
und durch die Hilfe vieler hinreichend geschult,
haben sie gelernt gegen den Teufel zu kämpfen……….
Die dritte Art sind die Sarabaiten,
eine ganz widerliche Art von Mönchen.
Weder durch eine Regel noch in der Schule der Erfahrung
Wie Gold im Schmelzofen erprobt,
sind sie weich wie Blei…………………………………………
Gesetz ist ihnen, was ihnen behagt und wonach sie verlangen.
Was sie meinen  und wünschen, das nennen sie heilig,
was sie nicht wollen, das halten sie für unerlaubt.
Die vierte Art der Mönche sind die sogenannten Gyrovagen.
Ihr Leben lang ziehen sie landauf, landab
Und lassen sich für drei oder vier Tage
in verschiedenen Klöstern beherbergen.
Immer unterwegs, nie beständig,
sind sie Sklaven der Launen  ihres Eigenwillens
und der Gelüste ihres Gaumens.
In allem sind sie noch schlimmer als die Sarabaiten…………………………………….

Was dann folgt ist eine langes Kapitel über den Abt und seine Funktion. Er vertritt im Kloster die Stelle Christi. Der Name Abt leitet sich von Abba ab, was Vater bedeutet. (2:3) Der Abt soll z.B. den Rat aller Brüder einberufen, wenn es um etwas Wichtiges geht und er soll den Rat der Brüder anhören und dann mit sich selbst zu Rate gehen. Erst dann fälle er die Entscheidung. Niemand maße sich an mit dem Abt außerhalb des Klosters zu streiten oder unverschämt zu sein. Der Abt muss aber in seinen Entscheidungen immer gewissenhaft sein und sich selbst an die Regeln des Klosters halten. Dazu die Hl. Schrift: „Tu alles mit Rat, dann brauchst du nach der Tat nichts zu bereuen.“  Alles in Allem kann man sagen, das Regelwerk des Hl. Benedikt ist ein Buch geistiger Weisung, geschrieben um dem Leben in der Klostergemeinschaft eine klare Ordnung zu geben. Es sind hier 73 Regeln aufgestellt, bzw. 73 verschiedene Kapitel über das, was geregelt werden soll. Sie beinhalten die verschiedensten Themen und kreisen hauptsächlich um bestimmte Tugenden und bestimmte Ordnungen der Lebensführung.

 

Die benediktinischen Tugenden:

Hören:      Das Leitwort „Höre“, das Benedikt an den Beginn seiner Mönchsregel setzt, ist ein Grundbegriff des geistigen Lebens. Hören ist die Vorraussetzung für Begegnung; in der Hinwendung zum Du wird es zum Ausdruck der Liebe. Hören ist eine Disziplin des Herzens, ein Prozess der Achtsamkeit auf das Wort des Herrn und Bruders. So wird der Hörende zum Liebenden. Die ersten Verse über das Hören habe ich euch schon vorgelesen. Hier sind ein paar der folgenden:

Stehen wir also endlich einmal auf!
Die Schrift rüttelt uns wach und ruft:
„Die Stunde ist da vom Schlaf aufzustehen.“
Öffnen wir unsere Augen dem göttlichen Licht,
und hören wir mit aufgeschrecktem Ohr,
wozu uns die Stimme Gottes täglich mahnt und aufruft:
„Heute, wenn ihr seine Stimme hört,
verhärtet eure Herzen nicht!“
Und wiederum: „Wer Ohren hat zu hören,
der höre, was der Geist den Gemeinden sagt!“ (Prolog 8-11)

Gehorsam:     Mit „hörendem Herzen“ wächst der Mönch in den „Gehorsam“ hinein. In der Gemeinschaft der Mönche entwickelt er seine persönliche, unverwechselbare Beziehung zu Gott. Er stellt sich seiner Aufgabe und dem Anspruch Gottes auf ihn. Auf diesem mühevollen Weg gehen Brüder und Abt miteinander im Glauben Jesus Christus entgegen, indem sie in liebevoller Offenheit aufeinander hören.

„Der erste Schritt zur Demut ist Gehorsam ohne Zögern.“( 5:1)

Der Mönch muss lernen sofort und ohne Rücksicht auf das, was er gerade als wichtig empfindet, zu gehorchen.

„…Sogleich legen sie unvollendet aus der Hand,
womit sie beschäftigt waren.
Schnellen Fußes folgen sie gehorsam dem Ruf
des Befehlenden mit der Tat.“(5:8)
Ohne Zweifel folgen sie auf diesem Weg dem Herrn nach, der sagt:
„Ich bin nicht gekommen, meinen Willen zu tun,
sondern des Willen dessen, der mich gesandt hat.“(5:13
Denn der Gehorsam, den man den Oberen leistet, wird Gott erwiesen,
sagt er doch: “Wer euch hört, hört mich.“ (5:15)
(Anmerkung.: Jesus (s.w.s.). bezeichnet sich selbst als Gesandter )

Für Ungehorsam gibt es bestimmte Strafen, die ich kurz etwas später ansprechen möchte.

Schweigen:     Mit dem Hören ist Schweigen verbunden. Benedikt will im Kloster einen Raum des Schweigens schaffen, indem der Mensch sich öffnen kann für die Gegenwart Gottes in seinem Wort, in der Liturgie und den vielfältigen Begegnungen des Alltags. Schweigen und Hören sind Grundhaltungen des Jüngers und führen zur Demut.

 

„… Tod und Leben stehen in der Macht der Zunge.

Denn Reden und Lehren kommen dem Meister zu,

Schweigen und Hören dem Jünger“.

Muss man den Oberen um etwas bitten,

soll es in Demut und ehrfürchtiger Unterordnung erbeten werden.

Albernheiten aber, müßiges und zum Gelächter reizendes Geschwätz

verbannen und verbieten wir für immer und überall.

Wir gestatten nicht, dass der Jünger zu solchem Gerede den Mund öffne.“ (6:5-8)

 

Demut:           Demütig wird der Mensch, der im Lauf der Zeit Schritt für Schritt von sich frei wird und Gott immer mehr Raum gewährt. Er vertraut ganz auf Gottes Barmherzigkeit. Benedikt zeichnet im 7. Kapitel seiner Regel diesen Weg im Bild der Leiter. Die Demut führt zu jener Liebe, die alle Furcht vertreibt.

 

„Laut ruft uns, Brüder, die Schrift zu:
„Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt,
wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“ (7:1)

Die erste Stufe der Demut:
Der Mensch achte stets auf Gottesfurcht
Und hüte sich Gott je zu vergessen. (7:10)

 

Benedikt beschreibt hier die einzelnen Versuchungen des Fleisches und der Begierde, die uns dazu verleiten, Gottes nicht zu gedenken.

Als zweite Stufe nennt er den Verzicht auf den Eigenwillen des Mönchs.

Die dritte Stufe ist das Unterwerfen unter den Willen des Oberen.

Die vierte Stufe ist das Unterwerfen, auch wenn einem Unrecht geschieht. Schweigend umarmt der Mönch gleichsam die Geduld.

In der fünften Stufe bekennt der Mönch demütig dem Abt alle bösen Gedanken, die sich in sein Herz schleichen, alles was er begangen und gedacht und verbirgt nichts.

Die sechste Stufe der Demut: Der Mönch ist zufrieden mit dem Allergeringsten und Letzten und hält sich bei allem, was ihm aufgetragen wird, für einen schlechten und unwürdigen Arbeiter.

Die siebte Stufe: Der Mönch erklärt nicht nur mit dem Mund, er sei niedriger und geringer als alle, sondern glaubt dies auch aus tiefstem Herzen.

Die achte Stufe: Der Mönch tut nur das, wozu ihn die gemeinsame Regel des Klosters und das Beispiel der Väter mahnen. ((7:55)

Die neunte Stufe: Der Mönch hält seine Zunge völlig zurück und spricht nur mehr, wenn er gefragt wird.

Die zehnte Stufe der Demut: Der Mönch ist nicht mehr zum Lachen bereit.

Die elfte Stufe der Demut: Der Mönch spricht, wenn er redet, ruhig, ohne Gelächter,  demütig und mit Würde wenige und vernünftige Worte und macht kein Geschrei.

Die zwölfte Stufe:  Der Mönch ist nicht nur mit dem Herzen demütig, sondern seine ganze Körperhaltung werde zum ständigen Ausdruck seiner Demut für alle, die ihn sehen.

Dazu im Evangelium die Geschichte vom Zöllner: „Herr ich bin nicht würdig meine Augen zum Himmel zu erheben!“

Diese zwölf Stufen nennt St Benedikt die Sprossen einer Leiter, die dann zur Gottesliebe führen, wo der Mönch dann alles, was er bisher aus Angst vor der Höllenbestrafung machte, aus Liebe zu Gott macht, aus guter Gewohnheit und aus Freude an den Tugenden.

„Dies wird der Herr an seinem Arbeiter, der von Fehlern und Sünden rein wird, schon jetzt gütig durch den Heiligen Geist erweisen“. (7:70)

 

Das rechte Maß:            Die Unterscheidungsgabe  meidet das Zuviel und das Zuwenig und sucht in allem das rechte Maß. Benedikt nennt sie die Mutter aller Tugenden.

„Wer weniger braucht, danke Gott und sei nicht traurig.
Wer mehr braucht, werde demütig wegen seiner Schwäche
und nicht überheblich wegen der ihm erwiesenen Barmherzigkeit.
So werden alle Glieder der Gemeinschaft in Frieden sein.“ (34:3-5)

Kapitel 39.       Vom Maß der Speise.

Kapitel 40:       Vom Maß des Getränkes.

Freude:           Die Mönche sollen in Freude leben können, im dankbaren Staunen über die Großtaten Gottes. Deswegen achtet Benedikt darauf, dass Trösten, Ermutigen, Helfen und Stärken ein Zusammenleben in Freude ermöglichen. Sie ist nicht Ergebnis menschlicher Anstrengung, sondern Werk des Heiligen Geistes.

Liebe:             Auf dem ganzen Weg des geistigen Lebens ist die Liebe so sehr der Ausgangpunkt und das Ziel, dass Benedikt prägnant sagen kann: „Mit dieser Leidenschaftlichen Liebe sollen die Mönche  Christus lieben und ihm nichts  vorziehen!“. Diese Liebe kennzeichnet ebenso das Verhältnis zwischen Abt und Brüdern und der Brüder untereinander. Über die Erlangung dieser Stufe habe ich auch schon bei den Stufen der Demut gesprochen.

Das waren jetzt Beispiele für die benediktinischen Tugenden.

Es folgen Regeln zur benediktinischen Lebensgestaltung im Kloster:

Gebet:                Durchdrungen vom Bewusstsein  der Gegenwart Gottes, nimmt Benedikt die biblische Mahnung ernst, ohne Unterlass zu beten, und gibt dem gemeinsamen Gebet eine feste Ordnung. Zu bestimmten Zeiten finden sich die Mönche zum gemeinsamen Gotteslob zusammen. „Dem Gottesdienst soll nichts vorgezogen werden“. So müht sich der Mönch, Herz und Stimme in Einklang zu bringen und das ganze Leben auf Gott auszurichten.

Dem Gebet wird natürlich eine sehr große Aufmerksamkeit gewidmet.

Kapitel 8:         Vom Gottesdienst in der Nacht

Kapitel 9:         Wie viele Psalmen beim Nachtgottesdienst zu singen sind.

Kapitel 10:       Wie das nächtliche Lob im Sommer zu halten ist.

Kapitel 11        Wie der Nachtgottesdienst an Sonntagen zu halten ist.

Kapitel 12:       Wie der Morgengottesdienst zu halten ist.

Kapitel 13:       Wie der Morgengottesdienst an Werktagen zu halten ist.

Kapitel 14:       Wie der Gottesdienst an den Festtagen der Heiligen zu halten ist.

Kapitel 15:       Zu welchen Zeiten das Halleluja zu singen ist.

Kapitel 16:       Wie der Gottesdienst am Tage zu halten ist.

Kapitel 17:       Wie viele Psalmen zu den Gebetszeiten zu singen sind.

Kapitel 18:       In welcher Reihenfolge die Psalmen zu singen sind.

Kapitel 19:       Die Haltung beim Gottesdienst.

Kapitel 20:       Die Ehrfurcht beim Gebet.

Kapitel 50:       Gebet außerhalb des Klosters.

 

Geistliche Lesung: Sie meint den meditativen Umgang mit dem Wort Gottes. Monastische und theologische Schriften können dabei eine Hilfe sein. Benedikt wünscht, dass der Mönch regelmäßig zu bestimmten Zeiten für die Lesung frei ist.

 

Arbeit:            Die Mönche sollen zu bestimmten Zeiten arbeiten, da sie von der Arbeit ihrer Hände leben. Gott soll auch durch die alltägliche Arbeit verherrlicht werden. So durchdringen sich Gebet und Arbeit gegenseitig.

Kapitel 18:       Von der täglichen Handarbeit.

Kapitel 57:       Von den Handwerkern des Klosters.

Kapitel 35:       Wöchentliche Dienste in der Küche. Hier ist noch interessant, dass es auch den regelmäßigen Küchendienst gibt, der von jedem zu vollziehen ist.

 

Besitz/Armut:    Der Mönch darf nichts, aber auch rein gar nichts besitzen.

Regel 33          Eigenbesitz des Mönches:

Vor allem dieses Laster
muss mit der Wurzel aus dem Kloster ausgerottet werden.
Keiner maße sich an, ohne Erlaubnis des Abtes
Etwas zu geben oder anzunehmen.
Keiner habe etwas an Eigentum, überhaupt nichts.
Kein Buch, keine Schreibtafel, keinen Griffel – gar nichts.
Den Brüdern ist es nicht einmal erlaubt nach der eigenen Entscheidung
über ihren Leib und ihren Willen zu verfügen
Alles Notwendige dürfen sie aber vom Vater des Klosters erwarten,
doch ist es nicht gestattet etwas zu haben,
was der Abt nicht gegeben oder erlaubt hat………………………………….


Regel 54          Die Annahme von Briefen und Geschenken.

Der Mönche darf keinesfalls ohne Weisung des Abtes
von seinen Eltern oder irgend jemandem,
auch nicht von einem anderen Mönch
Briefe, Eulogien oder sonstige kleine Geschenke annehmen oder geben.……….

 

Gastfreundschaft:     Sie ist ein geistiges Geschehen. Benedikt beschreibt die Aufnahme von Gästen in liturgischer  und spiritueller Sprache. Gastfreundschaft ist Offensein für Fremde, in denen Christus auf die Gemeinschaft zukommt und in denen der Bruder seinem Herrn begegnen kann. So sitzen Gäste z.B. prinzipiell immer am Tisch des Abtes.

Regel 53          Die Aufnahme von Gästen.

Regel 56          der Tisch des Abtes.

 

Friede:            Nach den Vorstellungen Benedikts sollen seine Klöster Orte des Friedens sein. Im rücksichtvollem Umgang miteinander, in der Versöhnungsbereitschaft und im Gebet füreinander kann Friede wachsen. „Suche den Frieden und jage ihm nach“. (P:17)

 

Strafen und Buße:     Bei Verfehlungen wird der betreffende Bruder unter vier Augen vom Abt oder seinem Vorgesetzten getadelt. Wenn das nichts fruchtet, wird er öffentlich getadelt. Sollte auch das nichts helfen, werden Strafen verhängt. Diese Strafen reichen vorerst vom  Ausgeschlossen sein und Abseitssitzen bei Tisch, über das  Ausgeschlossen sein in einem anderen Raum. Sie können aber auch weiter führen, z.B. wird zur Buße eine bestimmte Zeit des Fastens verhängt. Wenn dann aber immer noch ein Mangel an Einsicht erkannt wird, gibt es die Prügelstrafe oder als Letztes der Ausschluss aus dem Orden. Es gibt aber auch Regeln, welche einen etwaigen Wiedereintritt betreffen.

Regel 23          Das Vorgehen bei Verfehlungen.

Regel 24          Die Ausschließung bei leichten Verfehlungen.

Regel 25          Die Ausschließung bei schweren Verfehlungen.

Regel 26          Unerlaubter Umgang mit Ausgeschlossenen.

Regel 27          Die Sorge des Abtes für die Ausgeschlossenen

Regel 28          Die Unverbesserlichen.

Regel 29          Die Wiederaufnahme von Brüdern.

Regel 30          Die Strafe bei Mangel an Einsicht.

Regel 43          Die Bußen für Unpünktlichkeit.

Regel 44          Die Bußen der Ausgeschlossenen

Regel 45          Die Bußen für Fehler im Oratorium.

Regel 46          Die Bußen für andere Verfehlungen.    

Kapitel 43:       Von denen, die zum Gottesdienst und zu Tisch zu spät kommen.

Kapitel 44:       Wie die Ausgeschlossenen Genugtuung leisten sollen.

Kapitel 45:       Von denen, die im Oratorium Fehler machen.

Kapitel 46.       Von denen, die sonstige Fehler machen.

Kapitel 69:       Dass niemand im Kloster sich anmaße einen anderen zu verteidigen.

                       

Man sieht daran, dass auf die Regeln zur Buße und Strafe eine besondere Sorgfalt verwendet wurde.

 

Dekane:       Dekane sind so etwas, wie bei uns die Khalife.

Kapitel 21:       Die Dekane des Klosters:

„Wenn die Gemeinschaft größer ist,
sollen aus ihrer Mitte Brüder von gutem Ruf
und vorbildlicher Lebensführung ausgewählt
und zu Dekanen bestellt werden.
Sie tragen in allem Sorge für ihre Dekanien
nach den Geboten Gottes und den Weisungen des Abtes.
Als Dekane sollen nur solche ausgewählt werden,
mit denen der Abt seine Last unbesorgt teilen kann.
Nicht die Rangordnung sei bei der Wahl entscheidend,
sondern Bewährung im Leben und Weisheit in der Lehre.

Wenn einer der Deakane Tadel verdient,
weil der Stolz ihn aufbläht, werde er zurechtgewiesen;
wenn er sich nicht bessern will, wird er abgesetzt,
und ein anderer der geeignet ist,
soll an seine Stelle treten.
Das Gleiche bestimmen wir für den Prior“. (21:1-7)

Es gäbe hier sicher noch Vieles, welches zu berichten interessant wäre. Man erkennt hier einen bestimmten Zeitgeist. Auch die alte christliche Ordnung und die christliche Sicht der Welt. Eine große Verneinung des Körperlichen und des Sinnlichen zu Gunsten des Spirituellen.

Ich möchte aber jetzt zum Islam, bzw. mit ihm zu Al-Ghasali  kommen.


 

 

ISLAM – Al-Ghazali

Der Perser Abu Hamid ibn Muhamed al-Ghazali at Tusi asch-Schafii wurde 450 d.H (1058) zu Tus in Chorassan geboren. Er genoss die Lehren des damals berühmten Oberhauptes der schafitischen Rechtsschule Imam al-Haramain. Nach dem Tode des Meisters  begab er sich an den Hof des Seldschukenwesirs Nisam al-Mulk, der ihn 484 d.H (1091) als Lehrer an der von ihm gegründeten Hochschule in Bagdad anstellte. Dort gelangte er bald zu großer Berühmtheit. Er lehrte und schrieb über kanonische Rechtswissenschaft und widmete sich gleichzeitig dem Studium der verschiedenen philosophischen und religiösen Lehrsysteme seiner Zeit. Dabei stolperte er auch über das sufische Gedankengut.

Seine innere menschliche Entwicklung hat uns al-Ghazali in seiner Schrift “Der Befreier vom Irrtum“(Al-mungidh min ed-dalal) geschildert. Wir sehen ihn hier in seiner Jugendzeit mit einem schier unersättlichen Wissensdrang ausgestattet. Die Studien der orthodoxen Theologie und Jurisprudenz beherrschte er bald mit bewundernswerter Meisterschaft.  Da er aber auf Grund seiner persönlichen Anlagen nichts einfach annehmen konnte, das autoritär gefordert wurde und das nicht mit seinem Denken in Übereinstimmung zu bringen war,  trieben ihn seine Studien bald weit über die traditionelle Gelehrsamkeit hinaus. Schon früh hatte er den  Autoritätsglaubens verloren und wusste auch, dass er ihn nie wieder finden würde. So studierte er in rastlosem Eifer die Lehren aller Sekten und aller Philosophen seiner Zeit. Er studierte diese Lehren in so rastlosem Eifer, dass er bald sagen konnte, es habe keinen Philosophen gegeben, dessen System er nicht vollkommen zu verstehen sich bemüht, keinen dogmatischen Dialektiker, dessen Beweisführung er nicht bis ans Ende  nachgeprüft hatte. Es gab keinen Sufi, in dessen Geheimnis er nicht einzudringen versucht hätte, keinen Ketzer dessen Ketzerei er nicht bis auf den Grund aufgedeckt hätte. Doch diese umfangreiche Kenntnis konnte seinen Durst nach Gewissheit nicht stillen. Er suchte jenes Wissen, das  wirklich Recht hatte. Er suchte die Wahrheit. Misstrauisch machte ihn am allermeisten, dass alle von sich annahmen diese Wahrheit zu besitzen. Er fragte sich nach dem Worte des Propheten: „Jeder Mensch wird mit der ursprünglichen Anlage zum Islam geboren. Erst seine Eltern und Lehrer machen ihn dann zu einem Juden, Christen, Moslem oder Zauberer ect.“ Er suchte das, was ursprünglich in diesem Menschen sein musste und nicht durch Konditionierung in ihn hinein gekommen war. Und zuallererst suchte er in der islamischen Religion. Was gehörte denn von den islamischen Glaubensätzen der islamischen Orthodoxie, die ja von ihren Bekennern  immer als Wahrheit gepriesen wurde, zu diesen ursprünglichen Anlagen, und was gehörte zu den späteren Zutaten der Erziehungsautorität?

Diese Suche trieb ihn zunächst in die absolute Skepsis hinein. Er fiel in eine sehr große Krise.

Irgendwann misstraute er allem, den Sinneswahrnehmungen genauso, wie dem Intellekt. Aber er fand wieder zurück in die alte Sicherheit. „Gott zündete wieder ein Licht in mir an“.

Mit diesem wieder gewonnenen Rüstzeug machte er sich abermals an die Arbeit der kritischen Prüfung aller Lehren.

Es ließen sich damals vier große Gruppen feststellen.

1.         Die scholastischen Dogmatiker (Mutakallimun)

2.         Die Verehrer eines verborgenen Imams (Batinijja)

3.         Die Philosophen  (Mutazilliten)

4.         Die Sufis

Die Auseinandersetzung Al-Ghazalis mit den ersten drei Gruppen erbrachte die bedeutendsten Leistungen, die der Islam  auf philosophischem Gebiet hervorgebracht hat.  Sein berühmtestes Werk „Tahafut al-falasifa“ wurde sogar im Abendland als das „Destructio Philosophorum“ bekannt.

Die Auseinandersetzung mit der vierten Gruppe, mit den Sufis, war aber allerdings für ihn entschieden schwieriger, war sie doch auf rein intellektueller Basis nicht mehr zu bewerkstelligen. Wie ihr alle wisst, handelt es sich bei der Auseinandersetzung mit dem Sufismus um eine Mischung aus Praxis und Theorie, wobei lediglich die persönliche Focus- ierung mittels Theorie zu bewerkstelligen ist. Durch Lesen der Schriften über Reinigung, wird man nicht rein. Durch das Lesen über Heilung der Seele erfährt diese keine Heilung. Die Loslösung von der Welt und die alleinige Ausrichtung auf das Jenseits und auf Gott war und ist die Grundforderung der sufischen Lehre.

Ghazali begann sich selbst zu prüfen, sich selbst Rechenschaft darüber abzulegen, wie es da bei ihm  mit der Erfüllung dieser Forderungen stand.

War er von Bindungen an diese Welt frei?

War sein Streben nach dem Jenseits wirklich so stark, dass alle weltlichen Neigungen darüber verschwanden?

War sein Interesse bei einem so erfolgreichen Leben als Lehrer über mehrere hundert Schüler wirklich nur auf Gott ausgerichtet?

Hatten ihn früher die Zweifel an seinen intellektuellen Fähigkeiten in Krisen gestürzt, so erfuhr er jetzt dasselbe an seinem ganzen Wesen und er stürzte abermals in Verzweiflung. Er erkannte, dass sein erfolgreiches Wirken als Lehrer und Philosoph nicht in seiner Liebe zu Gott begründet war, sondern in seiner Ruhm- und Ehrsucht. Mit dieser Einsicht brach sein Leben wie ein Kartenhaus in sich zusammen und er fand sich am Abgrund zur Hölle wieder. Er fand zugleich nicht die Kraft etwas daran zu ändern.

Dieser Zustand dauerte dann ein halbes (langes) Jahr. Ein langer innerer Kampf fand sein Ende, als Al Ghazali eines Tages die Stimme verließ und er nicht mehr sprechen konnte. „Gott verschloss meine Zunge, sodass ich nicht mehr unterrichten konnte. Ich strengte mich mit aller Kraft an, wenigstens einen Tag die Vorlesung abzuhalten, um meiner Schüler willen, aber meine Zunge brachte nicht ein einziges Wort heraus. Ich konnte nicht!“ 

Aber damit war es nicht genug. Langsam begann auch sein ganzer Körper zu streiken. Die Ärzte gaben ihn zuletzt auf. Da suchte er endlich seine Zuflucht nur mehr bei Gott. Dieser erhörte sein Gebet und langsam genas er wieder. In dieser Zeit jedenfalls wuchs in ihm der Entschluss sich doch auf den mystischen und asketischen Weg einzulassen. Unter dem Vorwand nach Mecca zu reisen zog nach Damaskus, wo er im Minarett der großen Hauptmoschee eine kleine Kammer bewohnte und blieb da zwei Jahre. Von dort reiste er nach Jerusalem, wo er sich im Felsendom einschließen ließ. Er suchte die Einsamkeit und Askese und erfuhr dort all jenes, welches zu erfahren er so begierig gewesen war. Er sprach nie darüber, was dort wirklich erlebte: „Es war, was war, was ich nie sagen werde. Du denke gut davon und frage nicht!“ war seine Antwort auf entsprechende Fragen.

Von Jerusalem aus machte er Ende 490 n.H (1097) die Wallfahrt nach Mecca. Was dann folgte waren neun weitere  Jahre Wanderschaft. Er hatte erkannt, dass der Weg der Sufis zu Gott führt, aber dass die Weisheit der Gelehrten und die Doktrin der Philosophen seine Seele nicht befreien konnten und dass man das Herz von allem, außer von Gott frei machen müsse.

Er erkannte, dass das, was die Sufis erlebten, ein schwacher Abglanz dessen sein müsse, was den Propheten in voller Klarheit und Schau zuteil wurde. Und er erkannte, dass so gut wie jeder Mensch diese Anlage in sich trägt und dass das dem eigentlichen Sinn eines jeden Menschen entspricht. Er weiß jetzt was jene „ursprüngliche Anlage jedes neugeborenen Menschen“ ist, die zu erfahren er aufgebrochen war und die er  durch Prüfung aller anderen Lehrmeinungen so vergebens bemüht war, zu finden. Es ist nichts anderes, als eben der Besitz des „Herzens“ jenes göttlichen Organs, das der Substanz der Engel entspricht.

In dieser Zeit zog er von Ort zu Ort, um zu predigen und die Menschen aufzurufen, sich wirklich dem Islam, d.h. der sufischen, der wahren Gottesergebung, zu widmen. Auch verfasste er zugleich sein Hauptwerk „Die Neubelebung der religiösen Wissenschaften“.

Nach elf Jahren Abstinenz und Wanderschaft erreicht ihn der Ruf des Sohnes seines inzwischen verstorbenen, ehemaligen Gönners, in Nisabur wieder die Lehrtätigkeit aufzunehmen. Nachdem er diesem gefolgt war, blieb er jedoch nicht sehr lange im öffentlichen Lehramt. Er zog sich in seine Heimatstadt Tus zurück, wo er zur Hälfte die Schüler einer Medresse, und zur anderen Hälfte jene eines Sufikonvents unterrichtete.

Von seinem Sterben am 14. Dschumada  505 d.H (12. Dezember 1111) wird berichtet, dass er, als er sein Ende nahen fühlte, die Waschungen vollzogen habe, sich das Leichentuch geben ließ, es küsste und sich über seine Augen gelegt haben soll. „ Ich höre und gehorche, zum Eintritt beim König!“. Das waren seine letzten Worte.

 

Wie schon gesagt, gilt sein Buch: “Die Neubelebung der Religiösen Wissenschaften“ als sein Hauptwerk.

„Das Elixier der Glückseligkeit“ ist ein Ausschnitt bzw. eine gekürzte Ausgabe dieses großen Werkes. Der Eingang dazu bildet die Erkenntnis von vier Dingen, dann kommen vier Hauptpfeiler, von denen jeder wieder je zehn Hauptstücke umfasst.

Diese vier Eingänge sind:

  1. Dass man sich selbst erkenne.
  2. Dass man Gott erkenne.
  3. Dass man die diesseitige Welt erkenne.
  4. Dass man die jenseitige Welt erkenne.

Diese vier Erkenntnisse sind die Eingänge zur Erkenntnis des Islam;

Die Pfeiler aber, das Handeln im Islam,  sind vier an der Zahl, zwei davon beziehen sich auf die äußeren und zwei auf die inneren Dinge.

Die beiden, die sich auf die äußeren Dinge beziehen sind:

  1. Die Übung des Gehorsams gegen Gott, das heißt der Gottesdienst und
  2. zweitens das Bewahren der Zucht und Sitte im Tun und Lassen und in der Lebensführung, das heißt das „tätige Leben“. (Tat = Adab)

Die beiden, die sich auf die inneren Dinge beziehen sind:

  1. Das Reinigen des Herzen von allen bösen Charaktereigenschaften, wie Zorn, Gier, Neid, Hochmut und Eitelkeit, welche die ins Verderben stürzenden Dinge heißen und die gefährlichen Engpässe des Weges der Religion sind und
  • Das Schmücken des Herzens mit guten Charaktereigenschaften, wie Geduld, Dankbarkeit, Liebe, Hoffnung, Gottvertrauen, welche die rettenden Dinge heißen.

    Erster Pfeiler:  Er handelt also vom Gottesdienst. Er hat 10 Hauptstützen:
  • über das Bekenntnis der Leute der Sunna;
  • über das Suchen nach der Heiligen Wissenschaft;
  • über die Reinheit;
  • über das Gebet;
  • über das Almosen;
  • über das Fasten;
  • über die Wallfahrt;
  • über das Lesen des Quran;
  • über das Gedenken Gottes und die Gebete;
  • über die Einrichtung der Quranlitaneien;

    Zweiter Pfeiler:  Er handelt von der Zucht und Sitte des tätigen Lebens. Er hat ebenfalls 10 Hauptstützen:
  • über die Zucht und Sitte des Essens;
  • über die Zucht und Sitte der Ehe;
  • über die Zucht und Sitte des Erwerbs und des Handels;
  • über das Streben nach dem Erlaubten;
  • über die Zucht und Sitte des Freundschafthaltens;
  • über die Zucht und Sitte des Einsamlebens;
  • über die Zucht und Sitte des Reisens;
  • über die Zucht und Sitte des Musikhörens und der Ekstase;
  • über die Zucht und Sitte der Förderung des Guten und Verhinderung des Schlechten;
  • über die Beschützung der Untertanen und das Regieren;

    Dritter Pfeiler:  Er handelt von den Dingen, die die Engpässe der Religion sperren, welche man „die ins Verderben stürzenden Dinge“ nennt.
    Er besteht gleichfalls aus zehn Hauptstützen:
  • über die Erziehung der Seele;über die Heilung der Begierden des Bauches und der Zeugungsglieder;
  • über die Heilung des zügellosem Redens und das Übel der Zunge;
  • über die Heilung des Zornes, des Hasses und des Neides;
  • über die Heilung der Liebe zur Welt
  • über die Heilung der Liebe zu Geld und Gut;
  • über die Heilung der Ruhm-und Ehrsucht;
  • über die Heilung der Scheinheiligkeit und Heuchelei im Gottesdienst;
  • über die Heilung des Hochmuts und der Eitelkeit;
  • über die Heilung der Verblendung und Sorglosigkeit;
     
  • Vierter Pfeiler:  Er handelt  über die rettenden Dinge. Auch er hat zehn Hauptstützen:
  • über die Bekehrung und das Herauskommen des Unrechttuns;
  • über den Dank und die Geduld;
  • über die Furcht und die Hoffnung;
  • über die Armut und Weltentsagung;
  • über die reine Absicht, die Lauterkeit und die Aufrichtigkeit;
  • über die Selbstprüfung und Selbstbeobachtung;
  • über die Meditation;
  • über das Gottvertrauen und das Einheitsbekenntnis;
  • über die Liebe und die Sehnsucht zu Gott;
  • über das Gedenken an den Tod und das Jenseits;

 

Dieses ist das Verzeichnis der Pfeiler und Hauptstücke des Abschnittes: „Das Elixier der Glückseligkeit“. Al-Ghazali sagt dann, dass dieses Buch in persischer Sprache geschrieben sei, daher für jedermann verständlich, also auch für das einfache Volk. Wer weiter eindringen möchte sollte sich an die arabisch gefassten Bücher halten, wie „Das Buch der Neubelebung der religiösen Wissenschaften“  und „die Juwelen des Quran“.

In der mir vorliegenden Ausgabe (Diederichs Gelbe Reihe) kommt jetzt das Kapitel: „Von der Selbsterkenntnis“ und dann das Kapitel: „Vom rechten Umgang mit den Menschen“. Und es folgt das Kapitel: „Von der Liebe“.

Die für uns wichtigsten Adabs sind im Abschnitt: „Vom rechten Umgang mit den Menschen“ zu finden. Alle Sufis nach ihm, wie z.B. Hz.Mevlana, der ja ca. 150 Jahre später wirkte, haben die Werke Al-Ghazalis mit Sicherheit sehr gut gekannt. In den Derwischkonventen galt dieses Werk als die wesentliche Anleitung zum Adab und Regelwerk des Derwischkonvents, in- und außerhalb der Dergah. Es ist zu vermuten, dass die Formulierung „Zucht und Sitte“ im Orginal  wahrscheinlich „Adab“ heißt.

Ich zitiere im Folgenden die ersten Zeilen

„Von dem rechten Umgang mit den Menschen.“

Diese irdische Welt ist eine Karawanserei auf dem Weg zu Gott, und  alle Menschen finden sich in ihr als Reisegenossen zusammen. Da sie aber alle nach demselben Ziel wandern, und gleichsam eine Karawane bilden, so müssen sie Frieden und Eintracht miteinander halten und einander helfen und ein jeder die Rechte des anderen achten.
Wir wollen über den Umgang mit den Menschen in drei Kapiteln handeln.

Das erste Kapitel soll handeln:
Vom Wesen der Freundschaft und Bruderschaft in Gott;

Das zweite:
Von den Pflichten der Freundschaft und Bruderschaft;

Und das dritte:
Von den Pflichten gegen die Muslime, die Nachbarn, die Anverwandten und die Sklaven.


 „Von der Freundschaft und Bruderschaft in Gott“.

Dieses unterteilt sich jetzt wieder in mehrere Abschnitte.

  1. Von der Vortrefflichkeit der Freundschaft und Bruderschaft, ihren Bedingungen, ihren Stufen und ihren Nutzen.
  2. Von dem Wesen der Bruderschaft in Gott und wie sie sich von der weltlichen Bruderschaft unterscheidet.
  3. Die erste Art der Liebe
  4. Die zweite Art der Liebe
  5. Die dritte Art der Liebe
  6. Die vierte Art der Liebe
  7. Von dem Hass in Gott


„Von den Pflichten der Freundschaft und Bruderschaft“

  1. Von der Pflicht von Hingabe von Hab und Gut
  2. Die Pflicht der Hilfeleistung mit der eigenen Person
  3. Die Pflicht der Zunge zu Schweigen
  4. Die Pflicht der Zunge zu Reden
  5. Die Pflicht, die Fehltritte zu verzeihen
  6. Die Pflicht der Fürbitte
  7. Die Pflicht der Treue und Aufrichtigkeit
  8. Die Pflicht die Freundschaft leicht zu machen und alle Förmlichkeiten und alle Zwänge zu vermeiden


„Von den Pflichten gegen den Muslim, den Anverwandten, den Nachbarn und den Sklaven und dem Umgang mit Ihnen“.

  1. Von den Pflichten gegen den Muslim: Es folgen hier dreiundzwanzig verschiedene Pflichten. Die erste Pflicht, die zweite Pflicht die dritte usw.
  2. Von den Pflichten gegen den Nachbarn. Hier gibt es  drei Unterscheidungen:             
    Den Ungläubigen Nachbarn, der ein Recht hat.                                                        
    Den muslimischen Nachbarn, der zwei Rechte hat
               
    Den muslimischen Nachbarn, der mit dir verwandt ist. Dieser hat drei Rechte.

Ich werde jetzt ein Kapitel aus „Von den Pflichten der Freundschaft und Bruderschaft“  lesen.



Über die Pflicht zur persönlichen Hilfeleistung

Wenn du deinen Freund um etwas bittest, was du brauchst und er gibt es dir nicht, dann wasche dich für das Gebet, sprich viermal „Allahu akkbar“ über ihn und zähle ihn zu den Toten.
Ja´far Ibn Muhammed sagte: „Ich beeile mich, auch die Bedürfnisse meiner Feinde zu befriedigen. Denn, wenn ich das ablehne, kommen sie ohne mich aus.“ Und wenn das die richtige Einstellung zu Feinden ist, wie viel mehr Hilfsbereitschaft muss dann erst Freunden gegenüber richtig sein.
Ein Moslem jener frühen Tage kümmerte sich nach dem Tode seines Freundes vierzig Jahre lang um den Unterhalt von dessen Frau und Kindern und um alle ihre Bedürfnisse. Er besuchte sie täglich und gab ihnen von seinem Reichtum, so dass die Person des Vaters alles war, was sie vermissten. Tatsächlich behandelte er sie noch besser, als wie sie der Vater zu seinen Lebzeiten behandelt hatte.
Einer von den zwei Freunden blieb regelmäßig vor dem Haus des anderen stehen und fragte die Hausleute: „Habt ihr Öl? Habt ihr Salz? Braucht ihr irgend etwas?“ Und wenn etwas gebraucht wurde, brachte er es, ohne dass sein Freund davon erfuhr.
So zeigt man Freundschaft und Sympathie. Wenn ein Mann seinem Freund gegenüber nicht den gleichen Grad des Mitleids zeigt, wie sich selbst gegenüber, dann ist nichts Gutes an dieser Freundschaft.
Maymun Ibn Mahran sagt: „Wenn du aus der Freundschaft eines Mannes keinen Nutzen hast, dann kann dir auch seine Feindschaft nicht schaden.“
Der Prophet (Gott segne ihn und gebe ihm Frieden!) hat gesagt: „Sicher hat Gott auf Erden seine Mittler, durch die Er wirken kann, nämlich unsere Herzen. Und jene davon sind Ihm (Erhaben ist er!) am teuersten, die am reinsten, am stärksten und am edelsten sind: Am reinsten von Sünde, am stärksten im Glauben, und am edelsten ihren Brüdern gegenüber.“
Kurz gesagt, das Bedürfnis deines Freundes sollte dir so wichtig sein, wie dein eigenes, und  sogar noch wichtiger. Du solltest danach Ausschau halten, wann er dich braucht und sein Wohl nicht mehr aus dem Auge verlieren, als dein eigenes. Du solltest darauf achten, dass dir dein Freund niemals seine Not offenbaren muss, um dich zur Hilfe zu bewegen. Vielmehr solltest du dich seiner Not mit solcher Selbstverständlichkeit annehmen, dass du nachher gar nicht mehr weißt, was du getan hast. Du sollst nicht davon ausgehen, dass du durch das, was du getan hast, ein Recht erworben hast, sondern es für deinen Segen halten, dass dein Freund deine Mühe  und Aufmerksamkeit annimmt. Du solltest dich nicht darauf beschränken seine Bedürfnisse zu befriedigen, sondern von Anfang an versuchen, ihm darüber hinaus noch mehr Großzügigkeit zu erweisen und ihn sogar deinen Verwandten und deinen Kindern vorziehen.
Al Hasan pflegt zu sagen: „Unsere Brüder sind uns teurer als unsere Familien und unsere Kinder, denn unsere Kinder erinnern uns an diese Welt, unser Brüder in Gott erinnern uns aber an die andere.“
Al Hasan hat auch gesagt: „Wenn ein Mann bis zum Ende zu seinem Bruder steht, dann wird Gott am Tag der Auferstehung Engel von seinem Thron senden, die ihn in den Garten des Paradieses geleiten.“
Die Überlieferung sagt, dass jedes Mal wenn ein Mann einen Freund besucht, ein Engel hinter ihm ausruft: „Du hast wohl getan und es wird wohl für dich sein im Garten des Paradieses!“
Ata sagte: „Bemühe dich um deine Brüder bei drei Gelegenheiten: Besuche sie, wenn sie krank sind, hilf ihnen, wenn sie sehr beschäftigt sind und erinnere sie, wenn sie vergessen haben.“
Es wird berichtet, dass Ibn Omar in der Gegenwart des Propheten (Gott segne ihn und gebe ihm Frieden!) nach links und nach rechts umschaute, so dass dieser ihn nach dem Grund seines Verhaltens fragte. Da sagte er: „Es gibt einen, der mir teuer ist. Ich suche nach ihm, aber ich kann ihn  nicht finden.“ „Wenn du jemanden liebst“, antwortete der Prophet, „dann frage ihn um seinen Namen, den Namen seines
Vaters und wo er wohnt, und wenn er krank ist, besuche ihn und wenn er sehr beschäftigt ist, gehe hin und hilf ihm.“

Zu Al Shabi kam einst ein Mann und erzählte ihm von einem anderen, mit dem er zusammen gewesen war. Er sagte, er erinnere sich an das Gesicht des anderen, nicht aber an seinen Namen. Darauf sagte Al Shabi: „So schließen die Narren Bekanntschaften.“
Ibn Abbas wurde gefragt: „Welcher Mensch ist dir am liebsten?“ „Der, der sich zu mir setzt“, antwortete er. Und er sagte auch: „Wenn sich einer dreimal mit mir zusammensetzt ohne mich zu brauchen, dann weiß ich, wo dieser seinen Platz in der Welt hat.“
Sa`id Ibn Al As sagte:  „Dem, der sich mit mir zusammensetzt, schulde ich drei Dinge: wenn er herannaht, grüße ich ihn. Wenn er zu mir kommt, heiße ich ihn willkommen und wenn er sich niedersetzt, mache ich es ihm bequem.“
Gott (Erhaben ist Er) sagt: „Voll von Gnade zueinander (S 48)

Enthalte dich auch des Tadels an denen, die deinem Freund lieb sind, insbesondere seiner Familie und seinen Kindern. Und sage den Tadel nicht weiter, den andere Menschen über deinen Freund verbreiten. Denn wer dir solchen Tadel mitteilt, beleidigt damit unmittelbar dich.er Prophet (Gott segne ihn und gebe ihm Frieden!) pflegte, wie Anas uns berichtet, niemandem etwas zu sagen, was ihm unangenehm war, denn für den Angesprochenen geht die Verletzung  über solche Rede unmittelbar von dem aus, der sie ihm mitteilt und nur mittelbar von dem, der sie aufgebracht hat.
Natürlich solltest du deinem Freunde das Lob, das du über ihn hörst, nicht verbergen, denn die mit dem Lob verbundene Freude empfängt man direkt von dem, der es einem mitteilt und nur indirekt von der ursprünglichen Quelle. Dem Freunde das Lob zu verbergen, würde Neid bedeuten.
Kurz gesagt, du solltest Stille bewahren über alle Rede, die deinen Freund ganz allgemein oder auch aus besonderen Gründen unangenehm wäre, es sei denn du bist verpflichtet zu sprechen, weil ein guter Zweck es erfordert oder weil es zur Verhinderung von Übel notwendig ist.  Auch in diesem Fall sprich aber nur dann, wenn du keine ausreichende Entschuldigung dafür finden kannst, nichts zu sagen. Dann aber brauchst du dir über die ablehnende Haltung deines Freundes keine Sorgen zu machen, denn was du tust, nützt ihm, wenn er es richtig versteht, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so gut aussieht.
Was sonst das Erwähnen von Charakterschwächen und unrechten Handlungen des Freundes angeht, und von unrechten Handlungen, die in seiner Familie vorgefallen sind, so ist dies nicht nur dem Freunde, sondern jedem Moslem gegenüber unrecht und eine Kränkung. Zwei Dinge sollten dich davon abhalten:
Zunächst untersuche dein eigenes Leben und wenn du darin auch etwas Tadelnswertes findest, dann sei nachsichtig mit deinem Freund. Vielleicht fällt es ihm in einer bestimmten Hinsicht schwer, sich zu beherrschen, so wie dir das auf dem Gebiet schwer fällt, wo du deine Schwäche hast. Daher sei nicht so streng mit ihm, wenn er eine tadelnswerte Charaktereigen-schaft hat. Welcher Mensch ist schon vollkommen? Wo immer du siehst, dass du deine Pflichte gegenüber Gott schlecht erfüllst, dort erwarte von deinem Freunde noch weniger als das an Pflichterfüllung dir gegenüber, denn dein Recht an ihm kann nicht größer sein, als das Recht Gottes an dir.
Zweitens weißt du, dass du den ganzen Kosmos vergeblich nach einem Freund absuchen könntest, der keine Fehler hat. Du würdest nie einen solchen finden, denn es gibt nicht einen Menschen, der nicht sowohl gute als auch schlechte Eigenschaften hat. Das meiste, das du erhoffen kannst ist, dass die guten Eigenschaften die schlechten überwiegen.
Der tugendhafte Gläubige hält sich immer die guten Eigenschaften seines Freundes vor Augen, damit sein Herz zu einer Quelle von Verehrung, Liebe und Respekt wird. Nur dem Heuchler, der selbst einen schlechten Charakter hat, fallen an anderen ständig Unrecht und Fehler auf.
Ibn Al Mubarak sagte: „Der Gläubige versucht Entschuldigungen für andere zu finden, wohingegen der Heuchler nach ihren Fehlern Ausschau hält.“
Zur vollkommenen Sympathie gehört es auch, dass man Köstlichkeiten nicht allein verspeist und sich an freudigen Dingen nicht allein erfreut, und dass man die Abwesenheit des Freundes unangenehm empfindet und die Trennung von ihm traurig.



Über die Pflicht der Zunge zu Schweigen

Die dritte Pflicht Freunden gegenüber betrifft die Zunge, die manchmal still sein und zu anderen Gelegenheiten wieder sprechen sollte.

Was die Stille betrifft: Deine Zunge sollte einen Fehler deines Freundes weder in dessen Anwesenheit noch in dessen Abwesenheit erwähnen. Vielmehr solltest du Unwissenheit über diesen Gegenstand vortäuschen. Du solltest deinem Freund nicht widersprechen, noch solltest du mit ihm streiten oder gegen ihn Argument gebrauchen. Du solltest ihn auch nicht über seine persönlichen Angelegenheiten ausfragen. Wenn du auf der Straße oder geschäftlich mit ihm zusammenkommst, und er nicht selbst über die Gründe seines Kommens und Gehens zu sprechen beginnt, sollst du ihn nicht über diese befragen, denn es kann sein, dass es ihm unangenehm wäre, darüber zu sprechen und dass du ihn durch dein Fragen dazu zwingst, Notlügen zu gebrauchen.

Bewahre Schweigen über die Geheimnisse, die dein Freund dir anvertraut, und erzähle sie auf keinen Fall einem Dritten weiter – nicht einmal den engsten Freunden. Lass nichts über die Geheimnisse deines Freundes verlauten, auch nicht, nachdem eure Freundschaft aufgehört hat oder es zwischen euch eine Meinungsverschiedenheit gegeben hat. Wer dagegen verstößt zeigt damit sein Charakterschwäche und seine Unreinheit in seinem Inneren.

Und Al Fudayl sagte: „Männlichkeit besteht darin, die Fehler seiner Brüder zu verzeihen!“
Darum sagt der Prophet (Gott segne ihn und gebe ihm Friede): „Vor dem bösen Nachbarn, der Gutes sieht und verbirgt und der Böses sieht und anprangert, suche deine Zuflucht bei Gott.“
Es gibt niemanden, dessen Charakter nicht in bestimmter Hinsicht zu loben und in anderen zu tadeln wäre.
Die Überlieferung erzählt von einem Mann, der einen anderen in der Gegenwart des Propheten (Gott segne ihn und gebe ihm Friede)  lobte und denselben Mann am nächsten Tag tadelte. Darauf sagte er: „Du lobst diesen Mann an einem Tag und tadelst ihn am nächsten?“
„Gestern“,
antwortete der andere, „habe ich die Wahrheit über ihn gesprochen und auch heute habe ich nicht über ihn gelogen. Gestern hat er sich mir gefällig gezeigt und so habe ich das Beste über ihn gesagt, was ich weiß. Heute habe ich mich über ihn geärgert und so habe ich das Schlechteste erzählt, was mir über ihn bekannt ist.“
Darauf sagte der Prophet (Gott segne ihn und gebe ihm Frieden!): „Das Gebrauchen von Vernunftgründen kann böse Zauberei sein.“
Offensichtlich war er mit dem Argument des Mannes nicht einverstanden, sonst hätte er es nicht mit böser Zauberei verglichen. Ebenso sagt er der Überlieferung zufolge bei einer anderen Gelegenheit: „Missachtung und Streitgespräch wachsen beide aus der Heuchelei.“ Und weiter: „Gott ist mit deinen Argumenten nicht einverstanden, es sind eben nur Argumente.“
Al Schafi´i (Möge Gott ihm gnädig sein!) sagt: „Es gibt keinen Moslem, der Gott gehorcht ohne jemals eine Verfehlung gegen ihn zu begehen, noch gibt es jemanden, der sich gegen ihn verfehlt, ohne ihm jemals zu gehorchen. Wenn der Gehorsam eines Menschen seine Fehler überwiegt, dann ist dieser gerecht.“
Wenn ein solcher Mann hier gerecht in Bezug auf seine gottesergebenen Pflichten genannt wird, wie viel mehr solltest du dann den für gerecht in seinen Freundespflichten und in seinen Pflichten dir gegenüber halten, bei dem die Erfüllung dieser Pflichten die Fehler überwiegt.
Gerade so wie du deine Zunge davor hüten sollst, die unangenehmen Handlungen deines Freundes zu erwähnen, so sollst du auch in deinem Herzen Schweigen über sie bewahren. Das kannst du erreichen, indem du aufhörst ihn zu verdächtigen, denn Verdächtigung im Herzen erzeugt Verleumdung, die gegen das Gesetz verstößt. Bemühe dich das, was dein Freund tut, nicht im schlechten Licht zu sehen, solange du die Möglichkeit hast, es in gutem Licht zu sehen. Was aber vor deinen Augen unverkennbar als Übel erscheint, so dass es unmöglich wird, es nicht als solches zu sehen, das schreibe wenn möglich der Geistesabwesenheit und Vergesslichkeit deines Freundes zu.
Verdächtigungen entstehen aus zweierlei Art: Einmal durch das, was man die Wahrnehmung nennt, die von äußerlichen Gelegenheiten ausgeht. Durch sie werden notwendig bestimmte Gedanken ausgelöst, die sich dann nicht mehr beiseite schieben lassen. Und zweitens gibt es das, was von den Vorurteilen gegen den anderen ausgeht. Wenn dann dieser Mensch Handlungen setzt, die auf zwei verschiedene Arten ausgelegt werden können, dann bringt dich dein Vorurteil dazu, dich auf die schlechtere Auslegung festzulegen, auch wenn kein äußeres Zeichen dies rechtfertigt. Solches Denken ist eine Beleidigung des anderen in deinem Inneren, ein Verstoß gegen das Gesetz, wenn man es einem Gläubigen antut.
Denn der Prophet (Gott segne ihn und gebe ihm Frieden!) sagt: „Gott hat dem Menschen verboten mit dem Blut, dem Eigentum und der Ehre anderer Menschen übel umzugehen oder sie übel zu verdächtigen.“
Und er hat gesagt: „Hüte dich vor der Verdächtigung, denn Verdächtigung ist jene Kunde, die von der Wahrheit am weitesten entfernt ist. Sie führt zur unrechten Neugier und zum Spionieren.“
Weiter hat er gesagt: „Spioniert nicht und seid nicht neugierig. Zertrennt keine Freundschaften und wendet euch nicht voneinander ab, sondern dient Gott als Brüder. Falsche Neugier besteht darin, dass man auf Gerüchte hört und Spionieren ist das Ausspähen mit den eigenen Augen.
Es ist das Zeichen der religiösen Menschen, dass sie die Fehler anderer verbergen, sich über sie unwissend stellen und sie übersehen. Die Vollkommenheit darin, was hässlich ist zu verbergen und was gut ist zu offenbaren, ist in Gott (Erhaben ist Er). Diese  Eigenschaften an Ihm preisen wir im Gebet, wo es heißt: „Oh Du, der Du das Schöne offenbarst und das Hässliche verbirgst!“
In Gottes Augen wünschenswert ist, dass wir unseren Charakter nach dem Seinen formen. Denn Er ist es, der die Fehler verbirgt, die Sünden vergibt und Nachsicht übt mit Seinen Geschöpfen. Wie kannst du es dann versäumen, nachsichtig gegen Menschen zu sein, die dir gleich sind oder höher gestellt als du aber in keinem Fall deine Sklaven und deine Geschöpfe. Jesus (Der Friede sei mit ihm) sagte zu seinen Jüngern: „Was tut ihr, wenn ihr einen schlafenden Bruder seht, dem der Wind die Kleidungsstücke vom Leib bläst?“ „Wir beschützen ihn vor den Blicken und bedecken ihn wieder“,  antworteten die Jünger. „Nein“, sprach Jesus, „Ihr entblößt ihn vollends“. „Bei der Ehre Gottes, wer würde so etwas tun?“ „Jeder“, sprach Jesus, „der auf üble Rede hört, die über seinen Bruder verbreite wird, und dann noch etwas hinzufügt und sie in übertriebener Form weitergibt.“
Du musst wissen, dass der Glaube eines Menschen so lange  unvollkommen ist, als er für seinen Bruder nicht dasselbe wünscht, wie für sich selbst. Der niedrigste Grad der Brüderlichkeit ist der, wenn du deinen Bruder so behandelst, wie du selbst behandelt werden möchtest. Und du erwartest doch sicher, dass deine Schande verhüllt und dein Schweigen bewahrt wird über deine Missetaten und Fehler. Du würdest sehr verstört und verärgert sein, würdest du in dieser Erwartung enttäuscht. Wie unwürdig ist es dann erst, wenn dein Freund erwarten muss, dass ihm etwas nachgesagt wird, was er selbst weder gedacht noch vorgehabt hat. Wehe denen, die sich solch übler Nachrede schuldig machen.
Das Buch Gottes (Erhaben ist Er) sagt über sie: „Wehe denen, die das Maß verkürzen, die zwar das volle Maß verlangen, wenn andere ihnen zumessen, die aber zuwenig geben, wenn sie für andere messen oder wägen. (Quran S.83)
Alle die von anderen mehr Nachsicht verlangen, als sie selbst geben, fallen hierunter.
Der eigentliche Grund für das Unvermögen der Menschen, die Schande anderer zu bedecken und für ihren Wunsch, diese im Gegenteil zur Schau zu stellen ist eine verborgene Krankheit des Inneren, nämlich Bosheit und Neid! Denn der Boshafte und Neidige hat sein Inneres beschmutzt, aber er hält den Schmutz in seinem Inneren verschlossen. Er verbirgt ihn und zeigt ihn nicht, solange er dafür keinen unverdächtigen Vorwand hat. Aber wenn er eine Gelegenheit findet, dann gibt er seine Zurückhaltung auf und der Schmutz seines Inneren dringt nach außen.
Wenn das Innere des anderen voller Bosheit und Neid ist, dann ist es besser, die Beziehung zu ihm abzubrechen. Einige weise Männer sagen, dass offener Tadel besser ist, als versteckter Hass. Das einzige was den Boshaften erweichen kann, ist die Einsamkeit. Wer in seinem Herzen gegen einen anderen Moslem böse Gefühle hegt, dessen Glaube ist schwach.  Der Zustand eines solchen Menschen ist gefährlich. Sein Herz ist beschmutzt und er kann nicht in die Gegenwart Gottes gelangen.
Abd al Rahman Ibn Jubayr Ibn Nafir berichtet, dass sein Vater ihm erzählt hat: Als ich im Jemen war, hatte ich dort einen jüdischen Nachbarn, der mir häufig von der Thora erzählte. Dieser Jude kam nach seiner Rückkehrt von einer Reise zu mir und ich sagte zu ihm: „Gott hat den Propheten zu uns gesandt, der uns zum Islam aufgerufen hat und wir sind ihm gefolgt. Und er hat uns auch ein Buch geoffenbart, das die Thora bestätigt“ Daraufhin sagte der Jude: „Du sprichst die Wahrheit und doch könnt ihr nicht richtig aufnehmen, was er euch gegeben hat. Wir finden die Beschreibung seiner selbst und seiner Gemeinde  in der Thora. Er erlaubt einem Manne nicht, die Türschwelle zu überschreiten, solange er Hass gegen seinen gläubigen Bruder im Herzen hat.“
Ein wichtiger Punkt ist es Schweigen zu bewahren und ein Geheimnis, das dein Freund dir anvertraut hat, nicht weiter zu erzählen. Du solltest ableugnen, von der Sache zu wissen, auch wenn das eine Lüge ist, denn das Aussprechen der Wahrheit ist nicht unter allen Umständen richtig. So wie es jedem erlaubt ist, seine eigenen Fehler und Geheimnisse zu verbergen, auch wenn es dazu einer Lüge bedarf, so ist das auch um des Freundes willen erlaubt. Denn der Freund ist ein Teil von dir und der Freunde beide sind wie ein Mann, sie haben nur verschieden Körper. Das ist die wahre Natur der Freundschaft.
Außerdem sollte man sich in der Gegenwart seines Freundes nicht heuchlerisch betragen. Man sollte sich vor dem Freund so betragen, wie man sich zu Hause beträgt und nicht so, wie man sich vor der Öffentlichkeit beträgt. Denn dein Freund sollte über dein Betragen ebenso gut Bescheid wissen, wie du selbst.
Der Prophet (Gott segne ihn und gebe ihm Frieden!) sagt: „Wer die Schande seines Bruders verbirgt, den wird auch Gott vor den Blicken anderer schützen, in dieser Welt wie auch in der anderen.“
Und an einer anderen Stelle sagte er darüber: „Das ist, als würde er ein Mädchen, das lebendig begraben wurde, wieder zum Leben erwecken.“ Er (Gott segne ihn und geben ihm Frieden) hat auch gesagt: „Wenn ein Mann einem anderen Mann etwas mitteilt und dann um sich schaut, dann war die Mitteilung vertraulich.“  Und: „Drei Gegenstände sind es, die eine Mitteilung vertraulich machen: Gesetzwidriges Blutvergießen, gesetzwidriger Geschlechts-verkehr und gesetzwidriger Gebrauch von Vermögensgegenständen.“ Und er sagt auch: „Wenn zwei miteinander eine Besprechung haben, so ist das, was sie versprechen, vertraulich und keiner von beiden darf davon etwas weiterverbreiten, was für den anderen unangenehm ist.“

Ein kultivierter Mann wurde einst gefragt: „Wie hütest du ein Geheimnis?“ „Ich bin sein Grab“, antwortete er.
Es gibt ein Sprichwort: „Die Brust eines freien Menschen ist das Grab ihrer Geheimnisse.“ Und ein anderes sagt: „Das Herz eines Narren ist in seinem Mund, aber ein einsichtiger Mensch hat die Zunge in seinem Herzen.“
Das heißt, der Narr kann nicht verbergen, was in ihm ist, sondern, ohne dass es ihm bewusst wird, schreit er es hinaus. Daher muss man seine Beziehungen zu Narren abbrechen und sich vor ihrer Gesellschaft, ja schon vor ihrem Anblick hüten.
Ein andere Mann wurde gefragt: „Wie hütest du dein Geheimnis?“ „ Ich leugne es ab, den zu kennen, der es mir anvertraut hat“, antwortete er,  „Und darauf leiste ich meinen Eid.“
Und wieder ein anderer sagte: „Ich verberge es  und ich verberge, dass ich es verberge.“
Ibn Al Mu`tazz drückt es in Versform so aus:

„Vertraut man mir ein Geheimnis an, bemühe ich mich es zu verbergen,
Ich verberge es in meiner Brust, die sein Schatzgewölbe wird“ 

 

Ein anderer Dichter sagt:
„Das Geheimnis in meiner Brust ist nicht der Tote im Grab.
Denn Auferstehung sehnt dieser Tote herbei.
Mein Geheimnis aber vergess´ ich, bis es scheint, als hätt´ ich es nie gekannt.
Könnte man unser Geheimnis dem Herzen und dem Inneren verbergen,
würd es den Tag niemals seh´n.“


Jemand enthüllte seinem Freund ein Geheimnis Später fragte er ihn. „Erinnerst du dich daran?“  „Nein“ sagte er, „ich hab es vergessen.“
Abu Sa´id Al Thawri pflegte zu sagen: „Wenn du einen Mann zum Freund nehmen willst, dann mach ihn ärgerlich und bringe ihn dann mit jemandem zusammen, der ihn über dich und deine Geheimnisse ausfrage. Mach ihn nur dann zu deinem Gefährten, wenn er auch dann gut von dir spricht und deine Geheimnisse bewahrt.“

Abu Yazid wurde gefragt: „Wen würdest du zu deinen Gefährten machen?“ Er antwortete: „Einen, der mich kennt, so wie Gott mich kennt, und der sein Wissen um mich verbirgt, so wie Gott es verbirgt.“
Dhu Al Nun sagte: „Nichts Gutes ist in der Freundschaft eines Mannes, der dich nur makellos sehen will.“
Wer ein Geheimnis verrät nur weil er ärgerlich ist, hat einen niederen Charakter. Denn solange er innerlich zufrieden ist, möchte jeder vernünftige Mensch, dass sein Geheimnis bewahrt wird. Ein weiser Mann sagte einst: „Nimm dir keinen Mann zum Gefährten, der sich unter einer der  folgenden vier Bedingungen als veränderlich erweist: Wenn er ärgerlich ist, wenn er zufrieden ist, wenn er gierig ist und wenn er Wünsche hegt.“

Wahre Freundschaft muss bei jeder solchen Veränderung fest bleiben. So sagt man: „Sieh, wie der Edle selbst nach der Trennung von dir das Böse an dir verbirgt und das Wahrhafte an dir hervorkehrt. Und siehe wie der Bösewicht, auch während du noch zur Freundschaft stehst, dein Gutes verbirgt und dich in schlechtem Licht darstellt.“
Al Abbas sagte zu seinem Sohn Abdullah: „Ich sehe, dass dich dieser Mann (damit meint er Omar, möge Gott Gefallen finden an ihm!) den Älteren vorzieht. Darum merke dir fünf Ratschläge von mir: „ Niemals plaudere ihm  ein Geheimnis aus, niemals sprich in seiner Gegenwart Böses über einen anderen, niemals erzähle eine Lüge über ihn weiter, niemals sei ihm in irgendeiner Weise ungehorsam und niemals lass dich von ihm bei einem Verrat ertappen.“
Al Shab´i sagte: „Jedes Wort dieser fünf Ratschläge ist besser als tausend andere.“ Zum Stillesein gehört auch, dass du Streit und Widerspruch vermeidest, was immer dein Freund zu dir sagt.
Ibn Abbas sagte: Streite nicht mit dem Narren, denn er wird dich beleidigen. Und streite nicht mit dem edlen Mann, denn er wird dich verabscheuen.“

Der Prophet (Gott segne ihn und gebe ihm Frieden!) sagt: „Für den, der den Widerstreit aufgibt, sobald er im Unrecht ist, wird im Garten des Paradieses ein Haus gebaut werden. Wer aber den Widerstreit unterlässt, selbst wenn er im Recht ist, für den wird das Haus im schönsten Teil des Gartens gebaut.“
Die Pflicht gebietet den Widerstreit aufzugeben, sobald man im Unrecht ist. Doch die Belohnung für das, was über die Pflicht hinausgeht, ist noch größer. Denn still zu bleiben, wenn man im Recht ist, fällt der Seele schwerer, als still zu bleiben, wenn man im Unrecht ist. Und die Belohnung entspricht stets dem Ausmaß der notwendigen Anstrengung.

Die größte Gefahr dafür, dass zwischen Freunden das Feuer der Bosheit angefacht wird, liegt in der Auseinandersetzung und im Streit. Diese sind geradezu die Hauptursachen der Zwietracht und des Scheiterns von Freundschaften. Denn Zwietracht beginnt mit unterschiedlichen Auffassungen. Denn erst drückt sie sich in Worten aus und schließlich in Taten.

Der Prophet (Gott segne ihn und gebe ihm Frieden!) sagt: „Entzweit euch nicht untereinander, hegt keinen Hass und keinen Streit gegeneinander und brecht eure Beziehung untereinander nicht ab. Dient Gott als Brüder. Jeder Moslem ist ein Bruder  jedes anderen. Er tut ihm kein Leid, er beleidigt ihn nicht und er verlässt ihn nicht. Ein Mann kann nichts Schlimmeres tun, als einen Moslembruder entehren.“  Die schlimmste Entehrung ist der Streit, denn wenn du das zurückweist, was ein anderer sagt, dann bezichtigst du ihn der Unwissenheit und der Dummheit oder der Vergesslichkeit oder der Geistesabwesenheit, was sein Verständnis des betreffenden Gegenstandes betrifft. Und das alles sind Entehrungen, die zur Verärgerung und zur Entfremdung führen.

In der Überlieferung von Abu Ummama Al Bahili heißt es: „ Der Prophet Gottes (Gott segne ihn und gebe ihm Frieden!) kam zu uns heraus, als wir im Streitgespräch waren. Er war ärgerlich und sagte: „Hört mit dem Streitgespräch auf, denn es ist nur wenig Gutes darin. Gebt das Streitgespräch auf, denn seine Nützlichkeit ist gering und es erweckt Feindseligkeit unter Brüdern.“

Einer der Gläubigen jener frühen Tage sagte: „Wenn ein Mann mit seinem Bruder streitet, dann nimmt seine Männlichkeit ab und seine Tugend geht dahin.“
Abdullah Ibn Hasan sprach: „Hüte dich vor dem Disput mit Menschen, denn du wirst dabei weder gegen die Größe des Edlen, noch gegen die Gewalttätigkeit des Üblen etwas ausrichten.“

Ein Gläubiger aus den frühen Tagen sagte einst: „Der unfähigste der Männer ist der, dem es nicht gelingt Freunde zu finden. Noch unfähiger aber ist der, der die Freunde wieder verliert, die er gewonnen hat. Viel Streitgespräch führt zum Verlust der Freundschaft und zur Entfremdung. Es erzeugt Feindschaft.“
Al Hasan sagt: „Nicht für die Liebe von tausend Menschen erkaufe dir die Feindschaft eines einzigen.“

Das einzige Motiv für das Streitgespräch ist im Allgemeinen jenes, dass jeder seine intellektuelle Überlegenheit zeigen und den anderen durch das Bloßstellen seiner Unwissenheit kleiner machen will. Das führt zur Arroganz und Eifersucht, zu einer verletzenden Einstellung, dem anderen gegenüber und zum beleidigenden Vorwurf von Narrheit und Unwissenheit. Genau das aber sind die Bestandteile der Feinseligkeit. Welchen Platz kann das Streitgespräch dann noch in Brüderlichkeit und wahrer Freundschaft haben?

Ibn Abbas erzählt, dass der Prophet (Gott segne ihn und gebe ihm Frieden!) gesagt hat: „Streite nicht mit deinem Bruder, mach dich nicht über ihn lustig, und nimm die Versprechung nicht zurück, die du ihm gegeben hast.“
Er (Gott segne ihn und gebe ihm Frieden!) hat auch gesagt: „Du kannst Menschen nicht mit deinem Reichtum gewinnen. Was sie gewinnt, ist ein fröhliches Gesicht und eine guter Charakter.“

Streitgespräche passen nicht zum guten Charakter. Die Gläubigen der frühen Zeit waren sehr darauf bedacht, sich von dem Streitgespräch zu hüten und einander zu gegenseitiger Hilfeleistung anzuspornen. Das ging soweit, dass ihnen schon das Stellen von Fragen unangenehm war. Sie sagten: „Wenn du zu deinem Gefährten sagst: „Komm mit mir“ und er fragt „Wohin?“, dann mache ihn nicht zu deinem Freund.
Sie meinten, der andere sollte mitkommen ohne zu fragen.
Abu Sulyman Al Darani sagte: „Ich hatte einst einen Bruder im Irak. Als die Zeiten schlecht waren, ging ich zu ihm und sagte: „Gib mir etwas von deinem Geld!“ Daraufhin warf er mir seinen Geldbeutel zu, damit ich herausnehmen sollte, was ich brauchte. Dann, eines Tages  ging ich wieder zu ihm und sagte. „ Ich brauche etwas“. Da fragte er: „Wieviel brauchst du?“ Da verließ die angenehme Empfindung der Freundschaft mein Herz.“
Ein anderer sagt: „Wenn du deinen Bruder um Geld bittest und er sagt: „Was möchtest du damit tun?“,  dann verletzt er damit seine Freundschaftspflicht.“

Wisse, dass das Wichtigste an der Freundschaft die Eintracht in Wort und Tat ist und das Mitleid. Abu Uthman Al Hiri sagte: „Mit Freunden innerlich übereinzustimmen ist wichtiger, als nur äußerlich Mitleid mit ihnen zu haben.“

Und es ist so, wie er sagt.

 

Zusammenfassung und persönliche Gedanken.

Zum Abschluss möchte ich jetzt noch ein paar persönliche Gedanken zum Thema Adab aufgreifen und in die Diskussion werfen.

Unser  Ziel ist das ununterbrochene Gottesgedenken. Um zu diesem ununterbrochenen Dhikr, zu dieser ununterbrochenen Verbindung mit Gott zu kommen, müssen wir uns sehr bemühen und anstrengen. Es genügt nicht, sich täglich zu bestimmten Zeiten anzustrengen und dann sich wieder gehen lassen. Es genügt nicht nur „Übungen“ zu machen. Diese Übungen müssen zur Praxis werden, zur ununterbrochenen Praxis.

 

Adab ist Praxis, Adab ist Tat, Adab ist Handlung.

Handlung ist die Umsetzung der zeitlich abgegrenzten Übung ins tägliche Leben und damit in die Dauer.

Somit kommen wir jetzt zu dem wichtigsten Aspekt in diesem Zusammenhang. Letztlich zählt einzig allein unser Tun. Das Adab ist anfangs vielleicht auch nur eine Übung, aber trotzdem schon eine Handlung. So ist das Umsetzen ins tägliche Leben zunächst vielleicht auch nur eine Übung. Aber später aber wird die Handlung zu unserem Wesen, zum Sein. Unser Sein aber ist das letztlich alles Bestimmende. Der Prophet Mohammad (Der Friede und der Segen Gottes sei mit ihm) hat gesagt:

„Keiner von euch wird zuverlässig die Wahrheit erfahren, bevor nicht eure Herzen gerichtet sind, noch werden eure Herzen gerichtet sein, bevor nicht eure Zungen wahr sprechen, noch werden eure Zungen wahr sprechen, bevor nicht eure Taten richtig sind!“

Sehr eindrucksvoll heißt es im Quran, dass die Hände und die Füße unsere Taten bezeugen. Wenn wir unsere Taten am Tage des Gerichtes abstreiten, wird die Hand sagen: „Aber ich habe es doch gegriffen!“ und der Fuß wird sagen: „Aber ich habe dich doch dorthin getragen“.

Schon alleine daran erkennen wir die ungeheure Bedeutung des Adab, der Tat, der Handlung.

Der Weg führt von der Handlung zur individuellen Wahrheit der Zunge und dann zum Herzen, wo die „Universelle Wahrheit“ zu finden ist. Handlung, Zunge und Herz hängen zusammen und sind genau in dieser Reihenfolge von mir abhängig.

Daher möchte ich auch in dieser Reihenfolge meine diesbezüglichen Gedanken aufbauen. Wenn wir beim Herzen anfangen, dann sind wir schon bei der Liebe und dort hat die Vernunft keinen Platz mehr.

Vernunft sprach zum Herzen,

Du dienst mir nicht mehr,

dass Du das nicht merkest!

Du sprachest falsch!

Du hast mir zu dienen,

dass Du das nicht merkest!

 

Wir haben also zu Beginn die „Vernunft“ gefragt was Adab sei. Adab ist zunächst eine bestimmte Handlung oder eine bestimmte Körperhaltung oder eine bestimmte Geisteshaltung, wie wir bei Al-Ghazali nachlesen.

Unser Sema, unsere Art des „Hörens“ besteht auch aus bestimmten Körperhaltungen, die in Ruhe sowie in Bewegung eingenommen werden. Jede dieser Körperhaltungen, entspricht  einer inneren Haltung, hat seine Affinität im Inneren. Jeder äußeren Bewegung entspricht eine im Inneren. Genauso ist das beim Adab. Jede äußere Handlung, entspricht einer äußeren Haltung, welche wiederum die entsprechende innere Haltung provoziert.

Wenn wir in der Grundhaltung stehen, oder knien, oder sitzen, mit über der Brust verschränkten Armen, sind wir in einer geschlossenen Haltung. Diese Haltung entspricht einer inneren Sammlung, einer Konzentration nach Innen. Wenn wir dann die Arme öffnen, entspricht das einer offenen, inneren Haltung.

Versuchen wir uns doch vorzustellen, wir wollen einen Menschen mit geschlossenen Armen begrüßen. Wie freundlich kann das sein?

Lasst uns jetzt aber die Arme öffnen. Wie viel herzlicher fällt da unser Empfang aus?

Salaam heißt auch Begrüßung. Während wir tanzen, uns also in den verschiedenen Salaam befinden, sind unsere Arme geöffnet.  

Oder hier ein anderes Beispiel: In unseren Breitegraden ist es üblich, beim Sitzen die Beine übereinander geschlagen zu halten. Im Islam ist das unziemlich. Es fällt mir immer auf, wenn Fotos in der Zeitung sind, von unseren Politikern, die gerade zu Besuch in arabischen Ländern verweilen. Ich weiß nicht warum das unseren Politikern keiner  sagen konnte sich dort nicht so hin zu setzen, weil das dort sehr unhöflich wirkt. Dieses Übereinanderschlagen der Beine ist eigentlich eine natürliche Schutzhaltung. Sie baut aber auch, umgekehrt gesehen, eine Mauer zwischen mir und dem Gegenüber auf. Eine Mauer, ein Schutz, die/der unter dem Tisch, also verborgen, ohne sein direktes Wissen aufgebaut wird.  Bei den islamischen Politikern ist das ganz anderes. Sie halten meist ihre Beine parallel, leicht schräg. Auch hier ist eine typische Schutzhaltung sichtbar. Mit offenen Beinen sitzen nur mächtige Leute da, die einen bestimmten Prozess gerade gewonnen haben oder die gerade in der entsprechen Machtposition sind, wie Amerika z.B.  Wir merken daran, wie unser Körper über die Funktion der Haltungen genau Bescheid weiß, ohne dass unser Bewusstsein direkt daran beteiligt ist.

Genau so funktioniert aber das Adab. Jede unserer Haltungen, die wir einnehmen, entspricht einer bestimmten inneren Haltung. Da gibt es Experten, die das schon genau studiert haben. Für unsere Zwecke genügt es aber zu wissen, dass es das gibt. Somit können wir einfach auf unsere innere Haltung Einfluss nehmen, ohne dass es deshalb großer Anstrengungen bedarf. Wenn ich z.B. heute gar nicht arbeiten mag, weil mir mein Job gerade stinkt, und ich betrete mein Büro, so wie ich bin, dann wird sich an meinem inneren Zustand zunächst nichts ändern. Erst wenn ich ein kleines Erfolgserlebnis habe, steigt meine Stimmung vielleicht wieder etwas. Wenn ich aber mein Büro betrete, indem ich vor Überschreiten der Türe innehalte und mich besinne, mich verbeuge und vielleicht den Türrahmen küsse, wird mein Büro mich ganz anders in Empfang nehmen. Das geht nicht immer leicht bei uns, aber vorstellen dürfen wir es uns schon mal und probieren dürfen wir es sicher auch, wenn niemand zuschaut.

So geht das weiter und weiter. Dies Adab, so können wir sagen, wenn wir uns wirklich damit auseinander gesetzt haben, sind praktische Hilfen, um in die jeweils rechte innere Haltung zu kommen. Unsere innere Haltung leitet aber dann die Zunge, um auf das Hadith des Propheten (der Segen du der Friede Gottes sei mit ihm) zurückzukommen.

Aber auch hier geht das Adab weiter, wie wir bei Al-Ghazali gelesen haben. Die Zunge muss auch das Adab halten, um dem Weg zum Herzen zu öffnen.

 

Die Vernunft sagt: „Adab ist Glaube“ - Welcher Glaube ist hier gemeint?
In unserem Sultan Walad Pesrev finden wir hier eine klare Antwort, wenn wir diese Theorie weiterverfolgen. Das Sultan Wald Pesrev ist dem Glauben oder besser gesagt eigentlich der Erkenntnis  gewidmet. Das heißt den drei Arten des Glaubens, den drei Arten der Erkenntnis:

1. Umschreitung: Glaube als Suche (`ilm al-yaqin)

2. Umschreitung: Glaube als Erkenntnis durch Schau (`ain al-yaqin)

3. Umschreitung: Glaube als Erkenntnis, als Wissen, als absolute Gewissheit. (haqq al-yaqin)

Die entsprechenden Bewegungen, z.B. die Verneigung vor dem Gegenüber zeigen uns hier sehr viel. Wenn wir gelernt haben uns wirklich voreinander zu verbeugen, im rechten Abstand, dann kommen wir sehr viel weiter. Hier können wir sehr viel erfahren. Halte den rechten Abstand. Zuviel ermöglicht keine wirkliche Begegnung. Zu wenig Abstand bringt Konflikt, die Köpfe stoßen aneinander. Der rechte Abstand ist gefragt. Die Verbeugung zeigt hier auch viel. Ich beobachte hier oft, dass die Leute ungemein viel Abstand halten, aber sich dann bis ganz nach unten verbeugen. Wenn der andere nicht in der Nähe ist, kann man sich leicht tief verbeugen. Aber so tief ist die Verbeugung gar nicht nötig. Eine leichte Verbeugung zeigt auch den nötigen Respekt. Zuviel Verbeugung zeigt Unterwerfung, daher also der große Abstand.  Wenn ich dem anderen gar nicht begegne, kann ich mich natürlich leicht unterwerfen. Das ist aber nur ein kleines Beispiel. Hier können wir viel über uns und den anderen sehen lernen.

Wenn wir nach dem Sultan Walad Pesrev die schwarze Hirka ablegen und in den weißen Kleidern zu tanzen beginnen, tauchen wir ein in die Liebe. Unsere Arme sind geöffnet. Wir sind offen für Gott. Wir sind offen für die Menschen. Wir umarmen Gott. Wir umarmen die Menschheit. Die Liebe kann fliesen. Keine Schutzmechanismen mehr. Manche halten den Kopf noch gerade und oft sehr steif. Sie wollen das Gleichgewicht nicht verlieren. Sie wollen noch selbst kontrollieren. Sie haben noch etwas Angst vor der Hingabe.
Aber hier sollen wir die Köpfe schräg halten, weil die Vernunft uns jetzt hindern würde. Mit dem nötigen Vertrauen in Gott, lassen wir uns fallen und halten den Kopf schräg. In der Liebe hat die Vernunft nichts mehr zu sagen. Obgleich ich mir das manchmal wünschte. Dann würde ich nicht so viele Fehler machen.
Die Vernunft hat uns aber bis hierher begleitet, bis zum Herzen hat sie uns geleitet. Sie hat uns bis hierher geholfen. Erst jetzt muss sie sich zurücknehmen. Von nun an wäre sie hinderlich.

Und mir hat jetzt die Vernunft gesagt, dass ich schon viel zu viel geredet habe. Daher halte ich jetzt meinen Kopf schräg und danke euch für eure Geduld beim Zuhören und schweige.

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